Sommerthema des SJR-Ditzingen :

Von der Selbstverständlichkeit zu einer Kultur der Anerkennung

Wir haben mit vielen darüber gesprochen. Zur Grundlage machten wir einen Bericht von Christine Hertrich aus der KLJB.

Am 5. Dezember 2000 wurde das Internationale Jahr der Freiwilligen eröffnet. Mit dem Bundespräsidenten natürlich, vielen Festreden, einer Preisverleihung - und, wie sollte es anders sein - vielen älteren Herren im grauen Anzug. Wenn es um das Thema Ehrenamt und freiwilliges Engagement geht, stehen Jugendliche nicht gerade im Mittelpunkt.

Es ist also kein Wunder, wenn du noch gar nichts davon bemerkt hast, dass du dich mitten im Internationalen Jahr der Freiwilligen befindest. Oder vielleicht hast du es ja doch schon bemerkt - durch einen Fragebogen etwa, den du ausfüllen solltest über ehrenamtliche Aktivitäten. Na ja - grundlegende Verbesserungen - z.B., dass die Freistellung für Ehrenamtliche plötzlich problemlos möglich ist und finanziell ausgeglichen wird, oder dass Ehrenamtlichen keine Kosten mehr entstehen z.B. für Fahrten, Material, Ausbildung - wird auch dieses Jahr nicht bringen. Vielleicht ist das aber auch zu pessimistisch gedacht - schließlich gibt es im Bundestag extra eine Kommission dafür - die Enquete-Kommission Bürgerschaftliches Engagement.

Schon wieder so ein neues Wort rund um's Ehrenamt. Der Begriff Ehrenamt gefällt nicht mehr. Klingt ja auch wirklich antiquiert - wer kann mit Amt und Ehre schon wirklich etwas anfangen? Nur bringen es die neuen Begriffe auch nicht auf den Punkt. So bleiben wir bei Ehrenamt, schließlich wird in der KLJB und anderswo weiter der Begriff und natürlich vor allem das Prinzip der Ehrenamtlichkeit sehr hoch gehalten.

Das Prinzip der Ehrenamtlichkeit gehört zu den Grundprinzipien der verbandlichen Jugendarbeit. Es hat in der KLJB einen hohen, zuweilen heiß umkämpften Stellenwert. Konkret bedeutet es, dass die Leitung von Gruppen und Gremien, die pädagogische und politische Leitung in der Verantwortung von Ehrenamtlichen liegt. Die Bedeutung von Ehrenamtlichkeit ist nur in Verbindung mit dem Prinzip der Selbstorganisation zu verstehen. Selbstorganisation heißt, dass Jugendliche im Verband ihren gemeinsamen Interessen nachgehen, ihre Ideen verwirklichen. Mit dem Prinzip der Ehrenamtlichkeit wird gewährleistet, dass sie selbst es sind, die entscheiden - als gewählte Mandatsträger(lnnen). Mit dem Prinzip der Ehrenamtlichkeit wird Unabhängigkeit assoziiert, die Möglichkeit, sich zu bestimmten Dingen kritisch zu äußern, entsprechende Aktionen zu realisieren - ohne um die berufliche Existenz fürchten zu müssen. Das Prinzip der Ehrenamtlichkeit beinhaltet auch einen gewissen Grad an Widerstand gegen professionelle Überbetreuung und Pädagogisierung. Mit dem Prinzip verbindet sich das Zugeständnis, nicht immer nur professionell, produktiv, effektiv und leistungsorientiert sein zu müssen, sondern einfach auch mal das machen zu können und zu dürfen, worauf ich gerade Lust habe, was gerade Spaß macht.

Es soll hier allerdings nicht verschwiegen werden, dass Ehrenamtliche einen sehr hohen Anspruch an sich haben, sich oft selbst oder gegenseitig diesen Spaß nicht zugestehen, immer denken, sie müssten eigentlich immer noch mehr tun. Es heißt also ganz arg aufpassen: Ehrenamt darf nicht heißen, sich und andere überfordern, Aktionismus, bei dem der Tag 48 Stunden haben müsste, alle Erwartungen erfüllen müssen. Das wirkt eher abschreckend und motiviert andere nicht gerade, auch ein Ehrenamt zu übernehmen.

Es ist allerdings als Ehrenamtliche/r nicht leicht, Grenzen zu ziehen. Von außen wird immer mehr Professionalität und die Übernahme neuer Aufgaben erwartet, gleichzeitig gehen Zuschüsse und Personalfinanzierung zurück. Und schließlich verteilt sich die Arbeit auf wenige Leute, die bereit sind, sich längerfristig und verbindlich ehrenamtlich zu engagieren.

Trotz aller offiziellen Bekundungen, wie wichtig das Ehrenamt sei, ist es mit der Anerkennung oft nicht weit her. Dabei geht es gar nicht vorrangig um materielle Gegenleistungen, sondern um Wertschätzung. In der gesellschaftlichen und kirchlichen Diskussion erleben Ehrenamtliche in Jugendverbänden, dass ihre Arbeit immer weniger geschätzt oder sogar in Frage gestellt wird. Statt dessen bräuchte es aber ein ehrliches Interesse und echte Aufmerksamkeit für das, was in Jugendverbänden tatsächlich ehrenamtlich geleistet wird und in welcher Weise sich Jugendliche hier engagieren. Die fehlende Anerkennung ist nicht nur ein Problem von außen. Nach Innen wird ehrenamtliches Engagement oft als Selbstverständlichkeit erwartet. Meist ziehen Ehrenamtliche die Anerkennung zwar unmittelbar aus dem Erfolg ihrer Arbeit, direkte anerkennende Rückmeldungen gibt es jedoch selten. Und wenn der Erfolg einmal ausbleibt, was ja durchaus zur Normalität von Jugendarbeit gehört, dann geht auch die motivierende Anerkennung, die Einschätzung für den Wert der eigenen ehrenamtlichen Arbeit verloren.

Oft gibt es zwar eine ausgeprägte Kultur der Kritik, eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung fehlt jedoch meist. Offene und ehrliche Kritik und die Fähigkeit, mit Kritik umgehen zu können ist eine entscheidende Anforderung an ehrenamtliche Mandatsträger(Innen). Mindestens genauso wichtig ist aber die Fähigkeit, zu loben und Engagement anzuerkennen. Eine Kultur der Anerkennung setzt die Auseinandersetzung mit der jeweils persönlichen Art und Weise ein Ehrenamt zu füllen voraus. Es geht also vor allem um persönliche, nicht formalisierte Formen der Anerkennung. Natürlich sind ritualisierte Formen der Anerkennung - wie z.B. Aufmerksamkeiten für Begrüßung und Verabschiedung, Dankeschön-Feiern notwendig, aber sie reichen nicht aus, weil sie unspezifisch sind und den individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen nicht gerecht werden können.

Für die Entwicklung einer Kultur der Anerkennung im Jugendverband sind einige ganz praktische Dinge zu erfüllen: So sollten qualifizierte Zeugnisse, die ehrenamtliches Engagement nachweisen, selbstverständlich sein und nicht erst nach Anforderung ausgestellt werden. Fahrkostenregelungen, die Abrechnung von Telefongebühren, Portokosten und sonstigem Aufwand muss so gestaltet sein, dass Ehrenamtlichen nicht noch Kosten entstehen. Auch mit den Kosten für notwendige Aus- und Fortbildung für und in bestimmten Funktionen dürfen nicht die einzelnen Ehrenamtlichen belastet werden. Natürlich geht es bei diesen Dingen auch um politische Rahmenbedingungen für das Ehrenamt, aber die Verbände sind auch selbst gefordert, solche Dinge umzusetzen und Mittel entsprechend einzusetzen.

Zu einer Kultur der Anerkennung gehört schließlich auch, als Ehrenamtliche/r die Möglichkeit zu haben, das eigene Engagement selbst zu gestalten, Dinge zu verändern, auszuwählen und den eigenen Fähigkeiten entsprechend Aufgaben zu übernehmen, anstatt vorgegebene Arbeitsweisen und Aufgaben ungeprüft übernehmen zu müssen. Da braucht es manchmal vielleicht etwas mehr Mut zum Ausprobieren und Experimentieren. Am wichtigsten für die Motivation und das Dabeibleiben ist jedoch: Engagement muss Sinn machen. Ich muss erleben, dass ich gemeinsam mit anderen etwas erreiche, dass gesetzte Ziele auch realisierbar sind. Und natürlich muss das Engagement auch Spaß machen, mir persönlich etwas bringen.